Physiotherapeut für's Pferde - Interview mit Alena Kraft

Die Arbeit mit dem Pferd. Für viele nur ein Traum, für manche Realität. Doch nicht nur auf dem Pferd, sondern auch neben dem Pferd gibt es einige Berufsfelder. So auch für Alena Kraft, die seit vielen Jahren als Physio- und Osteotherapeut für Pferd & Mensch praktiziert. Was der Beruf Pferde-Physiotherapeut mit sich bringt und welche Erfahrungen sie erlebt hat, könnt ihr hier lesen.

Was sind die häufigsten Probleme, die du behandelst? Und woher kommen die? 

Auf diese Frage war die Antwort ganz klar: Rückenprobleme. Die meisten von Alenas Patienten haben Läsionen, Verspannung oder Probleme im Rücken.

“Zum einem können Rückenprobleme primär von natürlichen Veränderungen am Rücken oder der Wirbelsäule kommen.” Dabei sind auch die anatomischen Gegebenheiten ein wichtiger Faktor. Ein Beispiel für eine Veränderung an der Wirbelsäule ist z.Bsp. der Senkrücken.

Ein anderer, auch häufiger Grund sind reiterliche Fehler. Und hier dürfen wir uns alle einmal an die eigene Nase fassen (Ich mich auch!). “Gegen die Bewegung sitzen, in den Rücken fallen lassen, nicht ausbalanciert sitzen, ein zu hartes Training für ein nicht ausreichend bemuskeltes Pferd, etc…” Fehler passieren schnell und manchmal unbewusst. Im täglichen Training sollten wir immer reflektieren, wo wir uns verbessern könnten, oder was für das Pferd verbessert werden kann.

Rückenprobleme können auch als Folge einer Lahmheit, oder eines Schmerzustandes entstehen.

Was kann mit Physiotherapie / Osteopathie beim Pferd behandelt werden?

Hier zählt Alena viele Dinge in verschiedenen Bereichen auf:

Prävention

  • Leistungsoptimierung
  • Begleitend im Training
  • Betreuung vor, während und nach Turnieren, oder besonderen Herausforderungen
  • Begleitend beim Anreiten junger Pferde, oder nach längeren Pausen

Rehabilitation

  • Nach Verletzungen, Operationen oder Erkrankungen
  • Band- oder Sehnenverletzungen
  • Muskelfaserrissen
  • Schlecht heilenden Narben bzw. Wunden
  • Während, oder nach Lahmheit zur Begleitung der tierärztlichen Behandlung

Rittigkeitsprobleme

  • Schmerzen und Verspannungen
  • Stellungs- und Biegungsprobleme
  • Anlehnungsprobleme
  • Steifheit
  • Taktfehler
  • Schlechte Kopf-/ oder Schweifhaltung
  • Zungenfehler
  • Leistungsverschlechterung
  • Lahmheit ungeklärter Ursache (nur in Zusammenarbeit mit Tierarzt)

Was behandelst du am liebsten?

Bei dieser Frage wollte sich Alena nicht festlegen, denn sie sieht das so:

“Alles am Pferd ist interessant. Es ist immer wieder eine Herausforderung, die Ursache eines Problems zu finden und zu sehen, wie die Pferde reagieren.” Aber genau diese Herausforderung macht ihr an ihrer Arbeit Spaß. Sie sieht dabei gerne den Werdegang der Tiere, wie sich die Probleme der Pferde verbessern und sie dadurch mehr Freude an Bewegung haben und leistungsbereiter werden (und die Reiter natürlich dann auch). 

Was gefällt dir am besten an deinem Job?

“Dass das Wohlbefinden der Pferde an erster Stelle steht, und dass mich mit meinen Kunden die Leidenschaft “Pferd” verbindet.” sagt Alena. Ebenso ist für sie ein wichtiger Aspekt, dass die Arbeit an der frischen Luft ist, und dass sie nicht viel Werkzeug braucht. “Meine Hände hab ich ja schließlich immer dabei.”

… Was am wenigsten?

Auch bei der Antwort auf diese Frage, liegt das Pferdewohl im Fokus. Denn was die Therapeutin nicht gut findet, ist: “ Wenn ich mitbekomme, dass Pferde nicht fair behandelt werden.” Und das schließt nicht nur offensichtliches Fehlverhalten mit ein, sondern auch, wenn dem Pferd aus Unwissenheit Unrecht getan wird. 

Worauf sollte im täglichen Training geachtet werden?

“Für mich ist essentiell und sehr sehr wichtig, eine genügend lange Aufwärmphase mit einzubauen. Diese besteht aus mindestens 15-20 Minuten Schritt!” sagt Alena. Am besten ist es, zunächst die Pferde zu führen und dann im Schritt an der  Dehnung zu arbeiten. “Schenkelweichen, Viereck verkleiner/vergrößern oder leichtes Schulterherein, eignen sich gut.” empfiehlt die Therapeutin. 

Aber nicht nur eine ausreichende Aufwärmphase ist einzubauen. Genauso wichtig sind ausreichende Pausen innerhalb des Trainings, und eine längere Cool-Down-Phase am Schluss. (Herzschlag und Atmung sollte wieder in den Normalzustand sein). 

Über das tägliche Training hinaus, sollten Reiter eine Übersicht behalten, wie viel das Pferd in der Woche trainiert wird. “Im Wochenplan sollten genügend Regenerationszeiten eingebaut sein, um das Pferd nicht zu überanspruchen.”

Welche Übungen kann ich täglich daheim mit meinem Pferd machen?

Traktion am Schweif

Hier wird Hand angelegt: Wir greifen den Schweif an der Rübe mit beiden Händen und ziehen mit leichten Druck nach hinten. Dieser Druck wird 30-40 Sekunden lang gehalten. Damit wird die stabilisierende Muskulatur, die direkt entlang der Wirbelsäule verläuft, gedehnt. Pferde entspannen dabei gut, gähnen und kauen ab. Wenn die Pferde das schon ein paar Mal gemacht haben, lehnen sie sich richtig rein, und genießen die Übung.

Traktion am Schweif - Physiotherapeut für Pferde
Traktion am Schweif – Physiotherapeut für Pferde

Aufwölben von der Brustwirbelsäule am Brustbein

Das Ziel dieser Übung ist es, ein Entspannen des Nackenbandes durch das Anheben der Brustwirbelsäule zu erreichen. Dafür wird Druck auf das Brustbein ausgeübt, was den Reflex des Anhebens auslöst. Je nach Pferd ist dieser schwieriger oder leichter auslösbar. Oft reichen die Finger. Wenn nicht, wird ein stumpfes Stäbchen (z.Bsp.: oberes Ende eines Kugelschreibers) oder eine Faszienrolle benötigt. Es wird dabei Kraft auf die Mitte der Sattelgurtlage am Brustbein ausgelöst. Durch die Entspannung im Nackenband, lassen die Pferd dann den Kopf fallen.

Aufwölben von der Brustwirbelsäule am Brustbein - Physiotherapeut für Pferde
Aufwölben von der Brustwirbelsäule am Brustbein – Physiotherapeut für Pferde

Karotten-/Leckerli-Übung

Bei dieser Übung wird die Halsmuskulatur, Genickmuskulatur längs gedehnt. Wir stellen uns auf Höhe der Schulter mit dem Rücken zum Pferd und locken dabei mit einem Leckerchen den Hals zur Dehnung zum Hüftknochen hin. Dabei darauf achten, nicht über die Höhe des Hüfthöckers zu gehen. Die Pferde werden dabei am besten an die Wand gestellt, damit sie nicht ausweichen können. Die Pferde sollten langsam in die Dehnung gehen und nicht nach den Leckerli schnappen, um eine Stauchung zu vermeiden. Hinten angekommen, sollte der Kopf für zwei bis drei Sekunden dort gehalten werden (in der Zeit können sie an der Karotte mümmeln) und dann langsam zurückführen. Dann auf der anderen Seite wiederholen.

Karotten-Übung - Physiotherapeut für Pferde
Karotten-Übung – Physiotherapeut für Pferde

Diese Übungen können vor und nach dem Training angewandt werden. Werden sie vorher gemacht, werden die Muskeln im Vorfeld schon gedehnt und aufgewärmt, was dem Training zu Gute kommt. Für die Karotten-Übung ist es am besten, wenn schon ein paar Runden Schritt gegangen wurde.

Was würdest du zukünftigen Pferde-Physiotherapeuten raten?

Hier empfiehlt Alena den Umgang mit Pferde selbst. Sie selbst ist mit Pferden aufgewachsen, besitzt mehrere und reitet. “Das hilft mir, viele Zusammenhänge zu sehen und zu verstehen, die in der Theorie nicht mitgegeben werden.” Die Erfahrung und der Umgang mit den Vierbeiner schult das Auge, und lehrt, worauf geachtet werden muss. Auch hilfreich war für sie die vorherige Ausbildung als Masseurin.

Zum Schluss betont sie auch, dass jedem bewusst sein sollte, dass dies ein körperlich anstrengender Beruf ist. 

Profil: Alena Kraft

Praxis für Pferdephysiotherapie/-osteopathie

“Ich bin mit Pferden groß geworden und dem Reitsport seit Kindesbeinen an verbunden. Mit einem Hufschmied als Vater und eigenen Pferden am Hof, waren sie schon immer Teil meines Lebens und ich selbst aktive Reiterin. So zog es mich auch beruflich in diese Richtung und meiner ersten Ausbildung zur staatlich geprüften Masseurin folgte 2005 die Weiterbildung im Bereich Pferdephysiotherapie und Pferdeosteopathie bei Barbara Welter-Böller. Heute nutze ich dieses umfassende Wissen, um Ihr Pferd möglichst ganzheitlich zu behandeln.”

Webseite: http://www.alenakraft.de/

Facebook: https://www.facebook.com/Alena-Kraft-Pferdephysiotherapie-osteopathie-159593230718999/

Physiotherapeuten für Pferde haben einen vielseitigen Beruf, der Kopf und Körper beansprucht und viel in der Natur ist. Noch näher am Pferd, geht nur beim Reiten selbst.

Bis dahin,

lasst es euch und euren Pferden gutgehen,